reflections

Der Dornröschenwahn

Es ist ein Muster, dass sich schon in den frühen Kindertagen in unseren Köpfen fest setzt: Das, was die anderen haben, ist grundsätzlich schöner, interessanter und überhaupt besser als das, was man selber hat.

Und ganz besonders attraktiv ist das, was die beste Freundin ihr Eigen nennt. 

Im Allgemeinen das Kleid, das ihr besser steht, der neue Job, der ihr zuzufliegen scheint oder das Schnäppchen, das sie ergattert hat und nach dem man selber ewig gesucht hat.

Im Besonderen jedoch ist es der Mann an ihrer Seite. Ein wenig beneiden werden wir sie immer, vielleicht auch nur deshalb, weil wir eifersüchtig sind auf den neuen Hauptdarsteller in ihrem Leben.

Aber fernab von diesen normalen "zwischenfraulichen" Differenzen, gibt es im Leben einer jeden Frau auch diese eine spezielle Freundin mit Partner, die an einer ganz besonderen Krankheit leidet: dem Dornröschenwahn.

Diese Freundin zeichnet sich dadurch aus, dass sie stets zurückhaltend und bescheiden schien in Erwartung ihres Traumprinzen, welcher dereinst gewiss an ihre Türe klopfen würde. Es mag sein, dass sie die wohl beste Freundin der Welt war - bevor ER in ihr Leben trat.

Ab dem Zeitpunkt, in dem der Prinz ihren verschlossenen Turm erklommen und sie aus ihrem Dornröschenschlaf wachgeküsst hat, ist sie wie ausgewechselt. 

Sie weiß, dass auf die Errettung durch den Prinzen das Happy-End folgt, in welchem sie mit ihrem Traummann in den Sonnenuntergang reitet und auf ewig glücklich ist.

Ihre Beziehung scheint keine Streits, keine Sorgen, keine Langeweile zu kennen. Und darüber hinaus wirken sie und ihr Partner stets verliebt wie am ersten Tag. 

Online in sozialen Netzwerken schreiben sich beide kleine Herzchen auf die Pinnwand und ihr Geliebter wird es nicht versäumen ihr vor allem vor ihren Freundinnen oder generell in der Öffentlichkeit regelmäßig Küsse und Liebeserklärungen zu verabreichen.

Es versteht sich von selbst, dass man über kurz oder lang mindestens leicht genervt ist von diesem Treiben.

Erhebt man jedoch nur ein Mal die Stimme gegen das Jubelpaar so wird man als neidisch ausgewiesen und darüber hinaus ist die liebe Freundin enttäuscht, dass man ihr ihr Glück nicht gönnt.

Die Aura, die das Pärchen umgibt schreit förmlich: "Seht her, wir lieben uns !" Und nicht selten genug geschieht zumindest eines: Man fühlt sich unwillkürlich unwohl in der eigenen Haut.

...

Meine Mitbewohnerin Klara krankt ebenfalls am Dornröschensyndrom. Die Krankheit ist nach nun knapp zwei Jahren Dornröschenbeziehung schon ziemlich chronisch in ihrem Verlauf.

Klara war 21 Jahre alt und jungfräulich, hatte vorbildlich ihre schulische Laufbahn abgeschlossen und ein Medizinstudium begonnen.

Da erschien eines Tages Philipp auf der Bildfläche. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen in seine Verliebtheit gegenüber Klara eingeweiht zu werden und fungierte zwangsläufig als Kupplerin.

Ich bildete mir ein es wäre gewiss eine wundervolle Erfahrung für Klara, wenn sie einmal kennenlernen würde, was es heißt eine erfüllende Beziehung zu haben mit einem Mann, der sie aufrichtig liebt.

Ich konnte nicht ahnen, dass Klara den Dornröschenvirus in sich trägt, der nur darauf wartete auszubrechen.

Philipp musste lange um Klara werben bis sie ihr Haar herunter ließ und er in ihren Turm gelangte. 

Doch nach dem Kuss, der den Zauberbann löste, wollte Klara auch den Sonnenuntergang und das Happy-End. Und das ganze Programm auch wirklich bis zum Ende. Zum Ende aller Tage.

Lange Zeit dachten wir, es würde auch tatsächlich so laufen.

Klara tänzelte in den Hemden ihres Freundes umher, wurde mit Liebesschwüren und kleinen Geschenken überhäuft und ständig mit Aufmerksamkeit bedacht.

Die üblichen vier bis sechs Wochen am Beziehungsanfang. Danach hätte man eigentlich zur Tagesordnung übergehen, die Bemühungen etwas zurückschrauben und einen gemeinsamen Alltag beginnen können.

Das tat man aber nicht.

Wir anderen erblassten vor Neid. Klara schien sich ein überaus seltenes Exemplar der Gattung Mann geangelt zu haben: einen Mann, der die rosarote Beziehungsanfangsphase auf Lebenszeit durchhält und auch noch Spaß dabei hat.

Wir ahnten ja nicht wie diese schillernde Beziehung ungeschminkt aussah.

Eines Tages tauchten animierte Bildchen auf, die Klaras Freund an "alte Freundinnen von früher" (sprich von vor Klaras Zeit) geschickt hatte.

Animierte Bildchen von seinem Penis.

Philipp hatte die Rolle des strahlenden Prinzen nicht durchgehalten, obwohl Klara so viel Mühe damit gehabt hatte ihm die Wichtigkeit dessen klar zu machen. 

Letztendlich wird auch die zierlichste Prinzessin irgendwann zu schwer, um sie in den Sonnenuntergang zu tragen, wenn der Weg dorthin nicht endet.

Klara erfuhr niemals etwas von diesen Bildern, denn niemand brachte es übers Herz ihr die Wahrheit über den Prinzen zu sagen, den sie notfalls mit den Zähnen zu verteidigen bereit war.

Klara und Philipp sind noch immer ein Paar. Demnächst ziehen sie in ihre erste gemeinsame Wohnung.

Philipp besucht die "alten Freundinnen von früher" regelmäßig und Klara hat verstanden, dass er ein wenig Freiheit braucht und dass sie niemals mit auf diese Besuche kommen und ihn dort auch nicht anrufen darf. 

"So ist das wohl in Beziehungen..." sagt sie dann, wenn man sie darauf anspricht.

Philipp erfüllt natürlich immer noch alle Auflagen, die für ein Dornröschen-Happy-End notwendig sind:

Er schreibt ihr Herzchen auf die Pinnwand, küsst sie in der Öffentlichkeit und sagt ihr drei Mal täglich "Ich lieb dich". Der Sex läuft nach Drehbuch und wenn er sein Soll im Bett erfüllt hat, steht er auf und erntet seine Erdbeeren in einem Facebook-Spiel.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann lieben sie sich noch heute.

 ...

Als ich die Penisbildchen-Story erfuhr, war ich zuerst schockiert. Aber kurz darauf stellte sich prompt ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Mann an MEINER Seite ein, den ich so oft in den Schatten gestellt hatte angesichts der Verrenkungen die Philipp Klara gegenüber machte.

Mein Freund bekam am folgenden Wochenende eine lange Massage, ohne dass er genau wusste wofür er sich die verdient hatte.

Ich musste ihm danken. Dafür, dass er nicht perfekt ist, dass er "Ich liebe dich" zu mir sagt, wenn ihm danach ist, dass er mir keine Herzchen auf die Pinnwand schreibt, sondern mich abends anruft, um mir von seinem Tag zu erzählen. Danke für all die Unzulänglichkeiten, die ihn als Märchenprinz disqualifizieren und ihn zu dem machen, das ich wahrscheinlich wirklich brauche:

einem ganz normalen Kerl, der mich liebt.

(Und natürlich dafür, dass ich die Einzige bin, die weiß wie es in seiner Boxershorts aussieht...)

2 Kommentare 14.7.11 15:38, kommentieren

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Die Anfang-Mitte-Zwanzig-Metamorphose

Es ist erschreckend und faszinierend zugleich wie die Natur unser Leben bestimmt.

Gerade denkt man noch voller Tatendrang an sich selbst, die Karriere, Selbstfindung und Entfaltung der Persönlichkeit und schiebt Altmodisches wie Heirat, Familienplanung und das Häuschen im Grünen ganz weit von sich und schon wenige Jahre später - kaum mehr als ein Wimpernschlag - hat die Natur einen doch eingeholt.

Man ist Anfang Zwanzig und wacht eines morgens auf und wünscht sich den Partner fürs Leben mit dem man Kinder haben und alt werden kann.

Erst sind es nur Bruchteile von Sekunden. Aber nach und nach nistet sich dieser Gedanke, hartnäckig wie ein Parasit, in unseren Köpfen ein.

Es ist fast wie eine zweite Pubertät. Man verändert sich, ohne dass man etwas dafür tut und zumeist ohne dass man es möchte.

Eben noch lässt man sich von einem attraktiven Unbekannten einen Drink ausgeben mit nichts im Sinn als einem tollen Abend und keine zwei Augenblicke später steht man da, hat den potenziellen Traummann an der Hand und will nichts mehr als ihn für immer behalten.

(Und die Drinks zahlt man jetzt wieder selber.)

Provokant im Zeitalter der Singlebörsen und Speeddating-Veranstaltungen?

Mag sein.

Aber die chronischen Singles bekommen wenigstens Hilfe.

Meine Frage ist: Wer kümmert sich um die verzweifelten Frauen und Männer in Beziehungen?

Und ich meine nicht die Furchtbaren. 

Ich meine die guten, die vermeintlich glücklichen Beziehungen.

Einen gewaltigen Vorteil haben Dauersingles gegenüber Menschen in Beziehungen nämlich: nichts zu verlieren.

Und gerade wir Anfang- bis Mittzwanziger sind verwirrt. Wir sollten Single, ruh- und rastlos, karrierefixiert, erfolgreich, egoistisch und exzentrisch sein.

Was also suchen wir so jung, so früh, so unerfahren in glücklichen Beziehungen mit tollen Männern?

Und - verdammt - wie schaffen wir es mit ihnen (entgegen den modernen gesellschaftlichen Rollenkonzepten der jungen Erwachsenengeneration) auch glücklich zu bleiben?

Glücklich für immer (?).

1 Kommentar 12.7.11 22:13, kommentieren



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